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Deutsche Bahn:

Weichenstellung unvermeidlich!

Als Verkehrsmittel der Zukunft besitzt die Bahn glänzende Aussichten. Dennoch muss sie aufpassen: Auch Technikprobleme, Verspätungen und teure Tickets wirken imageprägend. Vom Management werden mehr denn je eindeutige Weichenstellungen verlangt, um die Kundenzufriedenheit zu sichern.

Weichenstellung unvermeidlich!
Eigentlich hätte Bahn-Chef Rüdiger Grube allen Grund zur Freude: Als Transportmittel erfreut sich sein Produkt ungebrochener Beliebtheit. Im wichtigen Segment der Geschäftsreisenden konnte die Deutsche Bahn 2011 sogar kräftig zulegen. Satte 8,4 Milliarden Euro gaben Unternehmen 2011 für Bahntickets aus – deutlich mehr als die 7,15 Milliarden des Vorjahres. Die Bahn profitiert vom Trend zu immer kürzeren Geschäftsreisen, die aus Kostengründen möglichst ohne Übernachtung stattfinden sollen. Fast ein Fünftel des gesamten Geschäftsreisekuchens von knapp 45 Milliarden Euro konnte Grube sich damit 2011 sichern. „Das macht die Bahn zum Gewinner des Jahres“, bestätigte der Präsident des Geschäftsreiseverbands VDR, Dirk Gerdom, unlängst bei der Vorstellung der VDR-Geschäftsreiseanalyse 2012 und lobte die Vorteile und den Komfort von Bahnreisen gerade auf „langen, innerdeutschen Strecken“.

Wer Zeitung liest oder Nachrichten schaut, bekommt allerdings zumeist ein deutlich düstereres Bild der Bahn präsentiert: Verspätete und liegengebliebene Züge, Betriebsausfälle bei der Berliner S-Bahn, ausgefallene Klimaanlagen in ICEs, angeblich unfreundlicher Service und ständig steigende Ticketpreise sorgen für negative Schlagzeilen und belasten das Image der Bahn – und häufig genug auch die Nerven und die Geldbeutel der Reisenden. Treue Geschäftskunden ärgerten sich über komplizierte Regelungen bei der BahnCard Business und kaum nachvollziehbare Tariferhöhungen. Gegen wichtige Infrastruktur-Projekte, wie den neuen Stuttgarter Hauptbahnhof, liefen Bürgergruppen öffentlichkeitswirksam Sturm. Die Lieferung neuer, moderner Züge geriet zuletzt deutlich in Verzug.

Busse auf Fernstrecken eröffnen den Wettbewerb

Neben der fliegenden Konkurrenz wollen zudem auch neue Anbieter auf der Straße und auf den Schienen dem angeschlagenen Ex-Monopolisten im Fernverkehr Kunden abjagen – und dürften dabei mit einer aggressiven Preispolitik die Ticketpreise unter Druck setzen. So dürfen dank einer von der Bundesregierung gewollten Liberalisierung vom kommenden Jahr an Busse auch auf Fernstrecken eingesetzt werden. Zum Schutz der Bahn war das in Deutschland bislang nur auf sehr wenigen Routen möglich. Noch fehlen seriöse Prognosen, aber die Branche ist gespannt, ob auch die Business Community auf den neuen Bus-Service zurückgreifen wird.

Auf der Schiene verschärft sich ebenfalls der Wettbewerb. Im Regionalverkehr machen private Betreiber der Bahn schon seit geraumer Zeit Konkurrenz. Seit Ende Juli wildert nun mit dem Hamburg-Köln-Express (HKX) auch im westdeutschen Fernverkehr ein privater Anbieter im Revier des Platzhirsches. Bis dahin bot als einziger privatwirtschaftlicher Anbieter die InterConnex ihre Dienste im Osten Deutschlands zwischen Leipzig, Berlin, Rostock und Warnemünde an. Während die Deutsche Bahn Milliarden in modernste Züge investiert, lässt der HKX alte, fast schon nostalgische Rheingold-Waggons aus den 70er Jahren von der Elbe an den Rhein und zurück rollen – und wirbt mit günstigen Ticketpreisen um Privat- und Geschäftsreisende. Wie die Tarife nach den Einführungsangeboten aussehen werden, ist allerdings noch unklar. „Wir wollen aber günstiger bleiben als die Bahn“, kündigte HKX-Geschäftsführerin Eva Kreienkamp an.

Fahrtziel: Transparenz und Kundenfreundlichkeit

Dass Bahnmanager Rüdiger Grube Chef einer riesigen Baustelle ist und vor großen Herausforderungen steht, verhehlt der gebürtige Hamburger nicht. Seit dreieinhalb Jahren führt er das Unternehmen, das er in turbulenter Zeit übernommen hat. Vorgänger Hartmut Mehdorn war damals wegen einer Daten-Affäre zurückgetreten, die Bahn wegen verschiedener Skandale in die Schlagzeilen geraten. Der Neue zog die Notbremse und versprach umzusteuern. Vor allem sollte das Riesenunternehmen mit seinen nahezu 300.000 Mitarbeitern transparenter und kundenfreundlicher werden.
Vieles sei inzwischen erreicht worden, zog Grube unlängst eine Zwischenbilanz. 40 Millionen zusätzliche Kunden habe die Bahn im ersten Halbjahr 2012 gewonnen. Bis zum kommenden Sommer würden sämtliche ICE-Klimaanlagen erneuert sein, für den Winter sei die Bahn „ebenfalls gut gewappnet“, versprach Grube in einem Interview. Hohe Investitionen in Zug-Enteisungsanlagen, Weichenheizungen und den Schneeräumdienst sollen künftige Winterdebakel vermeiden helfen. Auch die Flotten-Modernisierung schreitet voran: Acht neue ICE-3-Züge erwartet die Bahn noch in diesem Jahr. Zehn weitere Hochgeschwindigkeitszüge sollen später folgen. Bis 2014 werden alle 770 IC-Züge modernisiert. Von 2016 soll dann die neue ICx-Familie Zug um Zug die ICs und die erste ICE-Generation ersetzen – für die Bahn eine hohe Milliardeninvestition.

Entscheidend: die Motivation

Neben den Investitionen in neue Technik will Grube vor allem eine neue Unternehmenskultur vorleben und bis 2020 einer der zehn beliebtesten Arbeitgeber Deutschlands werden. Dass die Stimmung im Konzern unter seinen Vorgängern eher schlecht war, räumt Grube freimütig ein. „Wenn Sie die Mitarbeiter nicht mitreißen, können Sie alles vergessen“, lautet seine neue Linie. Diese Streckenführung macht allemal Sinn.


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