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Ekkehard Tschirner:

Unser Mann in Berlin

Ekkehard Tschirner ist einer der Großen – im wahrsten Sinne des Wortes. Für den VDR hat er eine ganz spezielle Position inne: Mit Wohnsitz in Berlin vertritt er die politischen Interessen des Verbandes. Ein Porträt.

Unser Mann in Berlin
Aufhören? So richtig vorstellen kann sich Ekkehard Tschirner das nicht: „Es macht ja schließlich Spaß.“ „Es“ – das meint 15 Jahre Lobbyarbeit. Zunächst für die Lufthansa, jetzt seit neun Jahren für den VDR. Und wer den heute 69-Jährigen vor sich sieht, glaubt ihm den „Spaß“ aufs Wort: Groß, sportliche Ausstrahlung – der Mann hat es nicht nötig, irgendjemandem etwas vorzumachen. Tschirner war leidenschaftlicher Fußballer, joggt auch heute noch durch den Grunewald, steht gern auf dem Golfplatz und sieht vieles sportlich: „Um das Spiel aufbauen und die Bälle verteilen zu können, spielt der Lobbyist idealerweise im offensiven Mittelfeld. Ohne allerdings zu forsch ranzugehen.“

Nach einer Ausbildung zum Versicherungskaufmann begann Tschirner 1966 bei der Lufthansa. Dort lernte er das Geschäft von der Pike auf – und machte seinen Weg: Er zog nach Berlin und übernahm die Position des Regionaldirektors für Deutschland Nord/Ost/West. 1995 wurde Tschirner schließlich Bevollmächtigter des Vorstands der Lufthansa für Wirtschaft und Politik in Berlin – der Start seiner Karriere als Lobbyist.

Trotz beachtlicher 1,95 Meter ist der Mann das Gegenteil von großspurig: „Bei der Lufthansa war ich ja jahrelang im Vertrieb tätig. Und Lobbyismus ist ja letztlich auch ein Verkaufen von Positionen.“ Ganz so einfach ist dieser „Verkauf“ allerdings nicht: Am Bundestag sind über 2.000 Lobbyismus betreibende Verbände registriert, insgesamt rund 10.000 Lobbyisten stürmen auf Politiker und Ministerien ein. „Es wird immer unübersichtlicher“, erklärt Tschirner. „Dabei mögen es unsere Gesprächspartner nicht, wenn eine Vielzahl von Interessenvertretern mit dem gleichen Thema zu ihnen kommt. Diese Kakophonie sollte beendet werden, indem Branchen möglichst nur mit einer Stimme sprechen.“ Als positives Beispiel nennt er die Gründung des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL).

Lobbyismus – wie funktioniert das in der Praxis?

„Die meisten Kontakte zu Politikern knüpft man auf Veranstaltungen oder in Diskussionsforen“, erläutert der bekennende Hertha-BSC-Fan. „Aber intensive Gespräche führt man nicht im Stehen. Eine Verabredung, zum Beispiel im Borchardt oder zum gemeinsamen Frühstück im Café Einstein, ist immer gut. Da sitzt die halbe Regierungsfraktion. Aber natürlich gibt es auch Treffen in den Ministerien und im Reichstag.“ Ein „Schema F“ sieht der verheiratete Vater zweier Söhne nicht: „Meist steht am Anfang der Anruf im Büro des jeweiligen Politikers. Doch das A und O ist die Vorbereitung! Für jedes Treffen brauchen Sie ein gut aufbereitetes Handout. Allein schon, damit der Politiker das in seinem Büro weitergeben kann.“

Schon 2003 wählte eine Fachjury des Magazins politik & kommunikation Tschirner zu einem „der 40 bekanntesten und bedeutendsten“ seiner Zunft. Noch im gleichen Jahr zeichnete ihn Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin, höchstpersönlich mit dem Bundesverdienstkreuz aus. Aber bringt der Job nicht auch Frustrationen mit sich? „Man bohrt dicke Bretter, das verlangt Geduld“, weiß der gebürtige Schlesier – und zeigt Verständnis: „Man kann nicht erwarten, dass alle Hurra schreien, nur weil man mit einer Idee kommt. Man muss auch die Zwänge kennen, unter denen Politiker stehen. Schließlich entscheidet der politische Wille. Jeder Abgeordnete muss sich für sein Thema eine Mehrheit suchen. Das bedeutet jede Menge Abstimmung in der Fraktion und mit dem Koalitionspartner.“ Regierungswechsel sind für Tschirner kein Grund zur Panik: „Na klar, Minister und Staatssekretäre, alle holen ihre Leute nach. Man muss halt warten, bis sich in den Ausschüssen, in den Ministerien alles zurechtgerüttelt hat. Aber man pflegt ja auch gute Kontakte zu den Oppositionsparteien. Das schleifen zu lassen, also immer nur dahin zu gehen, wo jemand in Amt und Würden ist, das wäre völlig falsch.“

Genauso falsch liegt, wer glaubt, Politiker hätten kein Interesse an Lobbyisten: „Politiker suchen den Kontakt zur Wirtschaft. Sie brauchen ja Input, interessieren sich für Themen, die sie sich zu eigen machen können. Politiker müssen aus Kontakten Gewinn ziehen können, deshalb braucht der Lobbyist fundierte Fakten. Lobbyismus ist Dialog mit der Wirtschaft.“

Lobbyismus – Dialog mit der Wirtschaft

Seit 2004 vertritt Tschirner die Interessen des VDR in Berlin. Wie unterscheidet sich die Arbeit für ein Luftverkehrsunternehmen von der für den Verband? „Die Lufthansa hat ihre eindeutig fokussierten Unternehmensinteressen“, erklärt Tschirner. „Der VDR hat dagegen über 530 Mitglieder, und die haben neben gemeinsamen auch eigene Interessen, die jedes Unternehmen im VDR einbringt. Das alles ist also im VDR breiter gefächert, wird aber durchs Präsidium kanalisiert. Wir arbeiten daran, die Schlagkraft weiter zu erhöhen.“

Spektakulär ist Lobbyarbeit eher selten. Doch die Erfolge, die Tschirner zusammen mit dem VDR erzielen konnte, wirken nach: „Denken Sie an den exklusiven Auftritt des damaligen VDR-Präsidenten Michael Kirnberger vor dem Ausschuss für Tourismus im Deutschen Bundestag, das neue Berufsbild der Tourismuskaufleute, das der VDR mitgestaltet hat oder an den fraktionsübergreifenden Antrag im Bundestag zur Verbesserung der Situation für Geschäftsreisen und Kongressreisen. Der wurde angenommen und verabschiedet. Und in einer Arbeitsgruppe mit dem BDI und dem Bundesfinanzministerium haben wir das Reisekostenrecht vereinfacht. Das wird auch noch weitergehen.“ Dass es auch Grenzen der Einflussnahme gibt, zeigte wiederum die Luftverkehrssteuer: Sie wurde eingeführt, obwohl sämtliche betroffenen Unternehmen und Verbände dagegen Sturm liefen. „Es gibt zu akzeptierende Grenzen“, resümiert Tschirner. „Doch man muss sie laufend neu hinterfragen, muss dranbleiben. Zum Beispiel, wenn sich die Fakten geändert haben.“ Die Themen jedenfalls werden nicht weniger – ob Bettensteuer, Emissionshandel, das Projekt „Single European Sky“ oder generell die Reisebedingungen für Geschäftsreisende.

Worin sieht er eigentlich seine Stärken? Tschirner kommt ins Grübeln: „Im Aufbau von Vertrauen, in der Verbindlichkeit, im diplomatischen Geschick, in einer gewissen Zurückhaltung. Wenn man so groß ist, lernt man, sich insgesamt ein bisschen zurückzunehmen.“ Aber wie tritt man dann als 1,95-Mann einem 1,60 Meter großen Politiker entgegen? Jetzt kommt die Antwort spontan: „Etwas Abstand halten. Und dann schnell hinsetzen!“

Das Aufgaben-Portfolio

Seinem politischen Repräsentanten in Berlin hat der VDR folgende Aufgaben übertragen:

  • Positionierung des VDR im politischen Umfeld
  • Identifikation dazu geeigneter Personen und Zielgruppen
  • Hilfe bei Ausbau und Pflege des Lobbyverteilers, Kontakte zu Lobby-Zielgruppen
  • Unterstützung bei der Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen, wie zum Beispiel Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft e. V. (BTW) und Bundesverband der Deutschen Industrie e. V. (BDI)




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