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Wirtschaftswachstum:

Um welchen Preis?

Nur 0,6 Prozent Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr, so die aktuelle Prognose für Deutschland. So manchem scheint das ausreichend Anlass für tiefe Niedergeschlagenheit zu sein. Zu Recht? Müssen wir eigentlich Wachstum um jeden Preis erzielen?

Um welchen Preis?
Glaubt man den Auguren der Wirtschaft, ist ein hervorragendes Bruttoinlandsprodukt in 2012 für 2013 inakzeptabel. Schließlich entspräche das einem Null-Wachstum! Kaum vorstellbar in einer auf Wachstum geeichten Gesellschaft wie der unseren. Die Politik begreift wirtschaftliches Wachstum in vielen Ländern, so auch in Deutschland, als eines ihrer zentralen Ziele. Zum Glück ist es hierzulande nicht das einzige: Im Sinne antizyklischer Wirtschaftspolitik kommen im Rahmen des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes noch die Ziele außenwirtschaftliches Gleichgewicht, niedrige Arbeitslosigkeit und Stabilität des Preisniveaus hinzu.

Insbesondere der Preisstabilität gilt zu Recht höchste Aufmerksamkeit: Werden Güter und Dienstleistungen immer teurer, muss entsprechend mehr Geld eingenommen werden, um zumindest gleich viel wie im Vorjahr erwerben zu können – das gilt für Unternehmen, Selbstständige und Arbeitnehmer gleichermaßen. Ein Prozess, der eine schmerzhaft inflationäre Eigendynamik entwickeln kann, insbesondere, wenn er als unvermeidlich fehlinterpretiert wird!

Immer mehr und das immer schneller?

Im Gleichschritt mit dem Kollaps vermeintlich stabiler Unternehmen zeigen die gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrisen, dass dieses Verständnis von Shareholder Value ein Irrweg ist. Denn Leidtragende sind fast alle: überschuldete Staaten, insolvente Unternehmen, gestresste und Burnout-gefährdete Manager, vor allem aber Arbeitnehmer und Rentner, die nicht mehr wissen, wie sie mit ihrem Lohn bzw. ihrer Rente die Preise von morgen bezahlen sollen. Die Krisen sind da – trotz moderater Lohnabschlüsse, schäbig entlohnter Langzeit-Praktikanten und absurder Anhäufungen unbezahlter Überstunden. Letztlich kommen sogar die noch erfolgreichen Unternehmen nicht um eine Frage herum: Wer, bitte schön, soll und kann ihre teuren Produkte angesichts Überproduktion einerseits und zunehmender Verarmung andererseits morgen noch bezahlen? Wer unter achselzuckendem Hinweis auf den Shareholder Value verdiente Mitarbeiter entlässt und durch angelernte Kräfte in Billigstlohnländern zu ersetzen trachtet, treibt diesbezüglich ein zynisches Spiel, das sich letztlich auch gegen die Player selbst wenden wird.
Aber was stattdessen? Auch unter ökologischen Aspekten, insbesondere mit Blick auf die endlichen Ressourcen, können wir uns ungebremstes Wachstum nicht mehr erlauben. Ohne eine sowohl soziale als auch ökologische Transformation unserer Gesellschaft wird es nicht gehen. Statt der bislang dominierenden Wegwerf-Ökonomien sind Kreislauf-Ökonomien gefragt. Zweifellos ein beschwerlicher Weg, weil er zur Abkehr von gängigen Paradigmen zwingt: Kooperation statt Konkurrenz, Orientierung am Notwendigen statt an maximalem Profit, Bescheidenheit statt Größenwahn, Fürsorge statt Abgrenzung, Hingucken statt Wegschauen – aber auch Engagement statt Apathie und Vollversorgungsanspruch.

Gefragt: qualitatives Wachstum

Unbegrenztes quantitatives Wachstum kann nie nachhaltig sein. Was unsere Gesellschaften stattdessen brauchen, ist ein Mehr an qualitativem Wachstum. Man wird den Eigennutz nicht abschaffen können. Aber es kann gelingen, dem Eigennutz eine dem Gemeinwohl verpflichtete Ausgestaltung zu geben – wenn Politiker zusammen mit aufgeklärten Repräsentanten aus Wirtschaft, Kultur und Kirche glaubwürdig dafür werben. Sonntagsreden allein bringen es nicht, aber selbst sie können helfen, den Boden dafür zu bereiten, dass auf der Basis von Eingaben, Bürgerinitiativen und Beschlüssen bis hin zu neuen Gesetzen soziale und ökologische Verantwortung moralisch einforderbar und zur selbstverständlichen Bürger-, aber auch Unternehmenspflicht wird. Arbeit im sozialen Bereich, wie auch im Bereich der regenerativen Energien muss dafür steuerlich entlastet, umwelt- und gesundheitsschädigende Aktivitäten sollten hingegen belastet werden.

Wer jetzt die Augenbrauen hebt, möge Alternativen benennen – oder sich zumindest offenen Auges vorstellen, wohin unsere Gesellschaft treibt, wenn die Schere zwischen Einkünften aus Arbeit und Kapital sich noch weiter öffnet. Sozialer Frieden ist mehr als nur ein Schlagwort. Bei allen individuellen Unterschieden hinsichtlich Ambition und Leistung wird persönliches Wohlergehen nur in der Balance mit sozialer und ökologischer Verantwortung nachhaltig funktionieren.


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