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Export-Weltmeister Deutschland:

Trotz Export-Boom Federn lassen?

Deutschlands Handelsüberschuss im Jahr 2012 dürfte auf 170 Milliarden Euro steigen. Hurra, „wir“ sind wieder Export-Weltmeister! Es gibt da allerdings einen kleinen Wermutstropfen: Wir haben geliefert, nur unsere Rechnungen sind noch offen!

Trotz Export-Boom Federn lassen?
2012 fällt Deutschlands Handelsüberschuss höher als in jedem anderen Land aus. Stimmen die Berechnungen des Münchner Ifo-Instituts, so steigt der deutsche Handelsüberschuss 2012 auf 210 Milliarden Dollar (170 Milliarden Euro). Gegenüber 2011 ein erneuter Anstieg um rund sechs Prozent. Selbst China, Exportweltmeister 2011, kommt vermutlich „nur“ auf 203 Milliarden Dollar. Dementsprechend befriedigt zeigt sich der Maschinenbau, Leitbranche der deutschen Exportwirtschaft. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) erwartet in diesem Jahr einen Umsatz von 209 Milliarden Euro – den höchsten Wert, den die Branche je erreicht habe.

Also alles bestens? Eher nicht. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit in Europa (OECD) prangern die deutsche Export-„Unwucht“ schon seit geraumer Zeit an. Bereits im Frühjahr 2010 hatten einige EU-Staaten daran Anstoß genommen. Frankreich forderte, Deutschland möge seine Abhängigkeit vom Außenhandel abmildern und mehr für die Stärkung seiner heimischen Nachfrage tun. Der hohe Handelsüberschuss gefährde die Wettbewerbsfähigkeit anderer Euro-Länder. Kritik, die von wirtschaftlich schwachen EU-Staaten unterstützt wurde – und Deutschland zusehends in Misskredit bringt.

Problem Binnenmarkt

Ein „grundlegendes Problem“ sieht der Wirtschaftsforscher Peter Bofinger, Professor an der Universität in Würzburg und Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, in der „viel zu schwachen“ deutschen Binnennachfrage. Professor Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Instituts, spricht von Deutschlands „pathologischem Exportboom“ auf Kosten der Binnensektoren. Deutschland habe sich überspezialisiert und zu viel Wertschöpfung im Export konzentriert, also die Wertschöpfung im Export schneller als die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung erhöht. Fatal sind die Auswirkungen des deutschen Exportwunders zunächst einmal auf den Arbeitsmarkt – international, vielleicht aber auch bald national. In Spanien stieg die Arbeitslosenquote im dritten Quartal 2012 auf 25,1 Prozent, in Griechenland könnte sie kurzfristig sogar auf 27 Prozent steigen. In Deutschland wiederum lag die Quote im Oktober stabil bei 6,5 Prozent. Während im Ausland die Finanz- bzw. Wirtschaftskrise und speziell die schwache Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Produktion für Arbeitslosigkeit sorgen, sieht Ifo-Chef Sinn für Deutschland andere Gefahren: Arbeitsplätze gingen verloren, weil die exportorientierte Industrie wegen hoher und starrer einheimischer Lohnkosten im Ausland produzieren lasse. Billig im Ausland gefertigte Teile würden dann in Deutschland endmontiert, die Produkte mit dem Schild „Made in Germany“ beklebt und teuer verkauft. Auch hier belaste Arbeitslosigkeit das Sozialsystem und verringere die Binnennachfrage.

Der Exportweltmeister gibt Rabatte

Und doch warten noch andere Risiken, sogar jenseits der vieldiskutierten „Rettungsschirme“. Es geht um Geld, das sich die Regierungen der Euro-Zone untereinander überweisen. In seinem aktuellen Buch „Die Target-Falle: Gefahren für unser Geld und unsere Kinder“ erklärt Sinn das komplexe Zahlungssystem innerhalb der EU, bestens geeignet, selbst den Exportweltmeister in Bedrängnis zu bringen: Das „Target“ – Akronym für „Trans-European Automated Real-Time Gross Settlement Express Transfer System“ – dient (in Anlehnung an die Definition des Wirtschaftslexikons) der „operationalen Durchführung der Geldpolitik des Eurosystems. Vor allem dient es dazu, Zentralbank-Gelder über den Euro-Geldmarkt zu verteilen und „grenzüberschreitende Zahlungen innerhalb der EU effizient und sicher abzuwickeln“.

Dahinter verbirgt sich ein riesiges Problem, ausgelöst durch den deutschen Export-Boom sowie die bislang wenig beachteten Zahlungsströme zwischen Privatleuten, Unternehmen, Geschäfts- und Notenbanken innerhalb der Euro-Zone. Ein Beispiel: Kauft jemand in Griechenland ein in Deutschland hergestelltes Auto, geht die Kaufsumme bzw. Finanzierungsrate an die Niederlassung des deutschen Autoherstellers in Griechenland. Diese weist ihre griechische Bank an, das Geld nach Deutschland zu transferieren. Die Hausbank erteilt daraufhin der griechischen Zentralbank den Auftrag, das Geld an die Bundesbank weiterzuleiten, die es dem Konto des Autoherstellers bei seiner deutschen Hausbank gutschreibt. Bei der griechischen Zentralbank wird aber nur eine Schuld gegenüber der Bundesbank vermerkt. Und die Bundesbank verbucht eine Forderung gegenüber der griechischen Zentralbank. Würden in ungefähr gleichem Umfang hierzulande griechische und in Griechenland deutsche Produkte gekauft, könnten die Guthaben- und Schuldensalden bei den beiden Zentralbanken direkt verrechnet werden. Weil die griechische Industrie aber nicht wettbewerbsfähig ist, gibt es immer weniger Gegengeschäfte. Die Folge: Die Schulden der griechischen Zentralbank bei der Bundesbank steigen.

Haushohe Verbindlichkeiten

Fatal: Ähnliches gilt für weitere europäische Länder. Die Verbindlichkeiten der Notenbanken hochverschuldeter Euro-Staaten liegen aktuell bei gut einer Billion Euro! Hauptgläubiger: die Deutsche Bundesbank. Das Volumen der Target-Kredite an kriselnde Euro-Länder ist damit bald fünfmal so groß wie das der Staatspapierkäufe – und mehr als doppelt so groß wie das der Rettungsschirme. Dramatisch werden diese gigantischen Verbindlichkeiten, wenn Krisenländer zahlungsunfähig werden oder gar aus dem Euro-Währungssystem ausscheiden müssten: Die Bundesbank müsste die aufgelaufenen Verbindlichkeiten aus dem Target-System abschreiben. Oder die Bundesregierung stellt immer wieder neue Euro-Bürgschaften bereit. Euroland verkäme zur Schuldenumverteilungsunion. Ist der Export-Weltmeister nur mehr „Pump-Weltmeister“?

Der bundesdeutsche Fiskus nimmt 2012 etwa 600 Milliarden Euro Steuern ein. Die deutschen Bürgschaften im Zuge des permanenten Rettungsfonds ESM belaufen sich auf 190 Milliarden Euro. „Der gesamte deutsche Exportüberschuss seit Anfang 2008 wurde durch Überziehungskredite bezahlt“, erläutert Sinn. „Ob Deutschland für seine Exportüberschüsse jemals reale Güter und Leistungen zurückerhält, steht in den Sternen. Wenn der Überziehungskredit stehen bleibt, wird er mit der Inflation verdampfen, zumal er nur mit 0,75 Prozent verzinst wird. Wenn der Euro zerbricht, haben wir eine Forderung gegenüber einem System, das es nicht mehr gibt. Dann sind zwei Drittel des deutschen Auslandsvermögens verloren. Wir haben dann umsonst gearbeitet.“

Wege aus dem Dilemma

Sinn zeigt auch Wege aus der Target-Falle: Zusammen mit sieben weiteren Ökonomen der „European Economic Advisory Group at CESifo“ schlägt Sinn für die Eurozone ein System kurzfristiger staatlicher Pfandbriefe (Euro Standard Bills) vor. Nach einheitlichen Kriterien zu besichern vom jeweiligen Nationalstaat – mit Immobilien oder vorrangigen Ansprüchen auf zukünftige Steuereinnahmen. Diese Pfandbriefe ließen sich zur jährlichen Tilgung der Target-Salden verwenden.

Das deutsche Exportmodell wird in Zukunft nur dann funktionieren, wenn es andere Länder in die Lage versetzt, ihre Wirtschaftsleistung nachhaltig zu erhöhen. Die Hoffnung liegt dabei insbesondere auf mittelständischen Familienunternehmen. Sie stehen für Investitionsbereitschaft, Wachstum und langfristig angelegte, auch internationale Expansion – bei gleichzeitiger Pflege des Standortes Deutschland.
Prof. Dr. Dr. Hans-Werner Sinn ist seit 1999 Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, München. Nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre an der westfälischen Wilhelms-Universität in Münster (Westfalen) von 1967 bis 1972 wechselte Sinn an die Universität Mannheim, an der er 1978 promoviert (wird) und sich 1983 habilitiert. Als Gastprofessor lehrte Sinn bislang an der London School of Economics, an den Universitäten Bergen, Stanford, Princeton und Jerusalem. Er hat mehrere Sachbücher zu wirtschaftspolitischen Fragestellungen verfasst.

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