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echnologie und Self-Management:

Schau mir in die Daten, Kleines!

Persönliche Daten werden immer stärker zur neuen Grundlage für das Streben nach kontinuierlicher Selbstoptimierung – durch Selbstvermessung. Eine zusehends aktive Rolle spielt dabei das Smartphone. Es wird zur „Fernbedienung unseres Lebens“.

Schau mir in die Daten, Kleines!
Florian Häupl
Senior Trend Consultant
TRENDBÜRO
 
Telefon: +49 (0) 40 - 36 97 78 60
Telefax: +49 (0) 40 - 36 97 78 10
E-Mail: f.haeupl@trendbuero.com
 
Adresse: Hohe Brücke 1
  D-20459 Hamburg
 
Schau mir in die Daten, Kleines!
Senior Trend Consultant, TRENDBÜRO
Innerhalb eines Zeitraumes von nur 40 Jahren sind PCs vom Rechenzentrum auf Hosentaschengröße geschrumpft. Mit der zunehmenden Verbreitung von Smartphones und Tablet-Computern wird das Internet immer und überall verfügbar. Die Tragweite dieser Entwicklung durchdringt sämtliche Lebensbereiche. Sie verändert Wirtschaft, Gesellschaft und jeden Einzelnen.

Technologischer Wandel: Umgebungsintelligenz

Smartphones sind heute leistungsfähiger als Laptops oder Desktop-Computer. Ihr Potenzial bemisst sich dabei eben nicht primär an der Leistungsfähigkeit ihrer Prozessoren, sondern an ihrer Fähigkeit, den Nutzer im Lebenskontext zu verorten und Nutzungs- und Umgebungsdaten zu erfassen. GPS ermöglicht die Ortung der Position, Lage- und Beschleunigungssensoren eine genaue Bestimmung der Aktivitäten des Nutzers: Schlendert er gerade durch die Fußgängerzone? Oder ist er zu Hause gestürzt und das Gerät sollte nun besser den Rettungsdienst verständigen? „Kontextuale Awareness“ ist das Versprechen der nächsten Generation technischer Alltagsbegleiter. Das Smartphone wird zur Fernbedienung unseres Lebens. Es ist das persönlichste aller technischen Geräte: In Echtzeit lässt sich darüber sowohl das soziale Netzwerk pflegen als auch das nächstgelegene Car-Sharing-Auto finden, buchen und entriegeln. All diese Aktivitäten generieren Daten. Das Gerät könnte uns bald besser kennen als wir uns selbst.

Kultureller Wandel: Die neue Lust an der digitalen Selbstvermessung

Eine Elite von Technologieenthusiasten nutzt bereits heute ganz selbstbewusst die Fülle neuer technischer Möglichkeiten. Sie haben sich dem „Self-Tracking“, der digitalen Selbstvermessung verschrieben. Das „Quantifizierte Selbst“ wird für sie zum Ausgangspunkt einer neuen Stufe der Selbstverbesserung. Der Wunsch nach Selbst-Optimierung ist in unserer Leistungsgesellschaft fest verankert und bestimmt schon lange das private und berufliche Leben. Die Anhänger der „Quantified Self“-Bewegung verlassen sich dabei nicht mehr auf ihr Gefühl, sondern versuchen möglichst viele Daten über ihr persönliches Leben zu erheben, um Ansatzpunkte für eine Verbesserung zu finden. Was im Hochleistungssport oder im Gesundheitswesen schon länger üblich ist, findet somit auch Einzug ins private Leben: das systematische, kontinuierliche Monitoring von Körperfunktionen und Verhaltensweisen. Messen lässt sich heutzutage nahezu alles, vom Schlafrhythmus über das Fitnesslevel bis zur Stimmung in Abhängigkeit von der Tageszeit. Smartphones, aber auch spezielle digitale Alltagshelfer machen es möglich. Das „Fitbit“, ein kleines Fitness-Tracking-Gerät der gleichnamigen US-amerikanischen Firma, lässt sich beispielsweise bequem an Gürtel oder Kleidung tragen und zeichnet mittels Beschleunigungs- und Höhenmesser das Aktivitätsniveau des Nutzers auf. So lassen sich ganz genau die Anzahl der Schritte oder erklommenen Treppenstufen und der daraus resultierende Kalorienverbrauch ermitteln. Wer seinen persönlichen Daten-Flow anzapft, lernt mehr über sich selbst und findet die richtigen Stellschrauben. Selbsterkenntnis wird zur Basis für Selbst-Design.

Sozialer Wandel: Identitätsmanagement

Das Erfassen und Auswerten der Daten ist nur ein Aspekt des Self-Tracking. Gerade das Teilen der Ergebnisse in Communities und sozialen Netzwerken erfreut sich großer Beliebtheit. Dort erhält man das nötige Feedback, welches die eigenen Bemühungen ins rechte Licht rückt und ein digitales Schulterklopfen sichert. Tracking erhält dadurch eine soziale Komponente. Auch Nike setzte schon recht früh mit der Plattform Nike+ auf diese Entwicklung. Über Nike+ lässt sich der Jogging-Lauf durch einen Sensor im Turnschuh digital erfassen – Eckdaten wie Laufstrecke, Geschwindigkeit etc. teilt man dann mit einer großen Community anderer Läufer: Das motiviert!
Der Turnschuhhersteller mausert sich dadurch in einem gesättigten Markt ganz nebenbei vom Sportartikler zum „Digital Lifestyle“-Anbieter. Der Service wird wichtiger als das Produkt. Ermutig vom Erfolg der Idee entwickelt Nike das Konzept kontinuierlich weiter. Das neue Nike+ FuelBand wird wie ein Armband getragen. Alle gemessenen Aktivitäten – Laufen, Tanzen und verschiedene andere Sportarten – werden über ihre spezifischen Bewegungsmuster erkannt und in die virtuelle Währung „NikeFuel“ umgerechnet. Damit schlägt Nike nebenbei die Brücke von „Self-Tracking“ zu „Gamification“, also der Verwendung von Spiele-Elementen wie z.B. Punkten oder Ranglisten. So macht das Tracking nicht nur Sinn, sondern auch Spaß.

Ökonomischer Wandel: Von Datenschutz zu Datenmanagement

Unternehmen müssen die neue Lust der Konsumenten an der digitalen Selbstvermessung zunächst im Kontext des gesellschaftlichen Wandels betrachten und verstehen. Daten, Informationen und der daraus destillierbare Wissensvorsprung bestimmen die Wirtschaft von morgen. Die ungehobenen Ressourcen sind in Zukunft nicht mehr nur Rohstoffe, sondern die Spuren, die wir als digitalen Fußabdruck hinterlassen. Die Nutzung eines kostenlosen Dienstes wie z.B. Facebook ist ja zu keiner Zeit wirklich kostenlos. Die Nutzer bezahlen mit ihren Daten. Heute tun sie dies noch größtenteils ohne das nötige Bewusstsein für diese Handlungsbeziehung. Die nahe liegende Forderung von Politik und Verbraucherschützern ist: mehr Datenschutz! Emanzipierte Kunden werden in Zukunft jedoch selbstbestimmt ihre persönlichen Daten managen und mit Unternehmen teilen, um im Gegenzug die gewünschten Services und Vergünstigungen zu erhalten. Bisher nutzen diese die Daten vor allem zur Verbesserung der zielgerichteten Kundenansprache über personalisierte Werbung. Das Tracking, Profiling und Targeting ist zum festen Bestandteil der Marketing-Aktivitäten vieler Unternehmen geworden: Erfahre möglichst viel über deinen Kunden und mache ihm dann individuell zugeschnittene Angebote. Dem Life-Flow der Kunden(-Daten) zu folgen, statt mit Werbung zu stören, wird Unternehmen zum Erfolg führen. Wir bewegen uns in Richtung einer „persönlichen Informationsökonomie“, in der die Daten des Einzelnen zum wertvollen Gut werden. Für Unternehmen wie Konsumenten gleichermaßen.
Florian Häupl
Senior Trend Consultant, TRENDBÜRO
Der diplomierte Volkswirt ist seit 2009 für TRENDBÜRO tätig. Als Senior Trend Consultant widmet er sich in Trendstudien und Beratungsprojekten den Einflüssen der Netzwerkökonomie auf unsere Arbeits- und Lebenswelt. Als Begründer der Trendforschung in Deutschland berät TRENDBÜRO seit 1992 seine Auftraggeber mit dem Ziel, Trends gewinnbringend in die Entwicklung neuer Produkte, Services und Markenerlebnisse einzubeziehen und bestehende Angebote und Strategien an Umfeldveränderungen anzupassen.

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