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Prof. Dr. Hans-Werner Sinn

Leerverkäufe – Nichts als leere Versprechungen?

In seinem Werk „Kasino-Kapitalismus“ forderte Prof. Sinn schon 2009 das Verbot von Leerverkäufen – unter anderem, weil Verkäufer ihre große Marktmacht nutzen, um Kurse nach unten zu drücken. Hat das Finanzsystem gelernt? Bestimmte Leerverkäufe sind inzwischen verboten, andere erlaubt. Und wie steht es um die Konsequenzen?

Leerverkäufe – Nichts als leere Versprechungen?
Früher einmal waren Krisen vor allem die Folgen schlechter Ernten oder verheerender Epidemien. Heute reichen die Möglichkeiten der Finanzmärkte aus, um die Weltwirtschaft erzittern zu lassen. Im Herbst 2008 stand das globale Finanzsystem am Rande eines kompletten Zusammenbruchs. Fatalerweise treffen die Folgen davon nicht nur Anleger, jene also, die Geld „auf die hohe Kante“ legen können, sondern Millionen Unbeteiligter. Sie sind verarmt oder werden noch verarmen – durch skrupellose Finanztransaktionen, Staatsbankrotte oder staatliche Bankenprogramme, die helfen, Gewinne zu privatisieren und Verluste zu sozialisieren. International geht es um Billionen. Mitverantwortlich: die sogenannten Leerverkäufe. Ihnen gegenüber bezieht Prof. Dr. Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts, eine klare Position – und die vermittelt er in seinem schon 2009 erschienenen Buch „Kasino-Kapitalismus“: „Leerverkäufe haben nicht nur das Britische Pfund gestürzt. Sie spielten auch eine große Rolle beim Fall von Lehman Brothers und stehen deshalb im Zentrum der jetzigen Kritik.“

Prof. Dr. Hans-Werner Sinn und Leerverkäufe - Nichts als leere Versprechungen? @ futuremynd„Ein Leerverkauf ist eine Spekulation auf einen fallenden Kurs“, erklärt Professor Sinn die brisante Wirkung von Leerverkäufen. „Nur wenn der Preis der geliehenen Papiere beim Rückkauf unter dem Preis liegt, zu dem diese Wertpapiere zunächst verkauft wurden, fällt Gewinn an.“ Zwar trieben auch Leerverkäufe den künftigen Börsenkurs wieder hoch, zunächst einmal werde aber durch den Verkauf der geliehenen Papiere der Kurs heruntergedrückt. Dabei geht es letztlich um die Erzeugung von Marktmacht durch den Spekulanten: „Wenn er sie einsetzen kann“, so Sinn, „um einen Kursrutsch zu verursachen, und sich damit die Bedingungen zu einem günstigen Rückkauf der Wertpapiere selbst verschaffen kann, eröffnet der Leerverkauf mehr Gewinnmöglichkeiten als ein Terminverkauf.“

Entfesselt wurden diese schädlichen Marktmächte durch die begrenzte Haftung auf Einlagen: Von „ungedeckten“ Leerverkäufen spricht man immer dann, wenn der Verkäufer weder Eigentum an den betreffenden Wertpapieren noch einen unbedingten Anspruch auf deren Übereignung hat. „Das Unglück brach über die Welt herein“, erklärt Sinn, „weil sich der Bazillus der Haftungsbeschränkung von Amerika aus über die Welt verbreitet und die Finanzmärkte infiziert hat, ohne dass die Regulierungsbehörden Einhalt geboten haben. Banken, Hedgefonds, Zweckgesellschaften, Investmentfonds und Immobilienfinanzierer durften ihr Geschäft fast ohne Eigenkapital betreiben. Wer kein Eigenkapital hat, haftet nicht, und wer nicht haftet, zockt.“ Abschließend kommt Sinn mit Bezug auf die Leerverkäufe zu einer eindeutigen Forderung: „Sie sollten verboten werden.“

Und was macht die Politik?

Im Zuge der 2007 offensichtlichen Finanzkrise kam es in Großbritannien, den USA, Kanada, Frankreich, Österreich, Irland, Portugal und Deutschland, aber auch in Australien und Taiwan zu Verboten oder Einschränken der Leerverkäufe. Die meisten unterlagen zeitlichen Befristungen, wurden ausgesetzt oder bereits wieder durch neue Gesetze ersetzt. So auch in Deutschland: Die seit 27. Juli 2010 gültigen Vorschriften zur Leerverkaufsregulierung änderten sich zum 1. November 2012, weil seitdem die EU-Leerverkaufsverordnung Nr. 236/2012 über Leerverkäufe und bestimmte Aspekte von Credit Default Swaps (EU-Leerverkaufs-VO) gilt. Darunter fallen nun auch an geregelten Märkten und multilateralen Handelssystemen gelistete Aktien mit Haupthandelsplatz innerhalb der EU. Die EU-Leerverkaufs-VO beruht im Wesentlichen auf:

  • Verbotsregelungen für ungedeckte Leerverkäufe in Aktien und öffentlichen Schuldtiteln sowie ungedeckten Credit Default Swaps (CDS) auf öffentliche Schuldtitel sowie
  • Transparenzregelungen für Netto-Leerverkaufspositionen in Aktien, öffentlichen Schuldtiteln und gegebenenfalls CDS. Ausnahmen davon gelten allerdings für den Verkauf öffentlicher Schuldtitel durch Market-Maker und Primärhändler. Verschärfend wirkt die VO wiederum insofern, dass Deckungen für Leerverkäufe nicht mehr bis zum Ende des Handelstages herbeigeführt werden dürfen. Die Vorschriften der EU-Leerverkaufs-VO gelten auch außerhalb der EU und für natürliche oder juristische Personen aus Drittstaaten. Unerlässlich: mehr Eigenkapital
Trotz solch hoffnungsvoller Ansätze dürfte es bis zu einer umfassenden Regulierung der Banken und ihrer fragwürdigen Finanzprodukte noch ein weiter Weg sein. Visionär Sinn sagte schon 2009 voraus: „Neue Stabilität kann das Bankensystem nur gewinnen, wenn dem Haftungsprinzip wieder mehr Geltung verschafft wird. Eine wesentlich straffere Eigenkapitalregulierung und die Einschränkung der regressfreien Kreditformen gehören zu den unerlässlichen Barrieren gegen das Glücksrittertum, die die Politik errichten muss.“


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