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Glücksverständnis

Hinter den Bergen wohnt das Glück

Geld allein macht nicht glücklich. Und dass das Streben nach materiellen Gütern seine Schattenseiten hat, ist unumstritten. Ein kleines Land im Himalaya zeigt, dass es auch anders geht.

Hinter den Bergen wohnt das Glück
Es war einmal ein König. Sein größter Wunsch war das Glück seiner Untertanen. Was sich wie ein Märchen aus längst vergangenen Zeiten anhört, ist konkrete Realität und noch gar nicht so lange her. Der König heißt Jigme Singye Wangchuck. Er herrschte in Bhutan im Himalaya, einem der kleinsten Länder der Erde, und hat, bevor er sich mit 51 Jahren zur Ruhe setzte, dafür gesorgt, dass das Glück seiner Untertanen 2008 als Zielvorgabe in die Verfassung des Landes aufgenommen wurde.

Fünfjahresplan zum Glück

Heute wacht das „Große nationale Glückscenter“ darüber, dass das „Bruttonationalglück“ keine königliche Vision bleibt, sondern in Schritten von Fünfjahresplänen in steigender Lebensqualität zum Ausdruck kommt. Die Glücksformel in Bhutan lautet: gerechte wirtschaftliche Entwicklung, eine gute Regierung, Bewahrung traditioneller und kultureller Werte sowie Schutz der Umwelt.

Weltmeister in Sachen Glück

Das Konzept scheint aufzugehen, denn fünf Jahre nach Start der nationalen Glücksstrategie geben 41 % der Bevölkerung an, dass sie sich glücklich fühlen. Das ist weltmeisterlich. Am Geld liegt's sicher nicht, denn Bhutan gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Das durchschnittliche Jahreseinkommen liegt gerade einmal bei 2.000 Dollar. Ha Vinh Tho, der Direktor des Instituts für Bruttosozialglück, hat eine plausible Erklärung: „Wenn man arm ist, wirkt sich eine kleine Steigerung des Einkommens sehr positiv auf das Wohlbefinden aus.“ Sind die Grundbedürfnisse einmal erfüllt, seien fühlbare Steigerungen nur mit Stress zu erreichen, „der größten Ursache westlicher Zivilisationskrankheiten“.

Zufrieden ohne Entfremdung

Grundsätzlich empfiehlt Ha Vinh Tho, der im westlichen wie im fernöstlichen Kulturkreis gleichermaßen zu Hause ist, uns Westlern, nicht zu viel zu begehren und zufrieden zu sein mit dem, was man erreicht hat. Außerdem sollte man die drei großen Entfremdungen vermeiden: Entfremdung von der Natur, von den Menschen und von sich selbst. Im Westen wird die zwischenmenschliche Beziehung ärmer, die Großfamilie ist auf dem Rückzug, viele Menschen leben allein und es gibt viele Trennungen. All diese Tendenzen gibt es in Bhutan nicht. Die traditionellen Strukturen sind intakt; die Menschen leben im Einklang mit der Natur.

Der König fährt Rad

Und der König, der zeitgleich mit dem Glückskonzept demokratische Strukturen auf den Weg brachte? Der lebt heute außerhalb der Hauptstadt Thimphus in einem kleinen Holzhaus. Und wenn er in die Stadt will, nimmt er das Fahrrad. Sicherlich ist das Modell Bhutan nicht ohne Weiteres auf das Abendland übertragbar. Aber Glück als Ziel mit Verfassungsrang hört sich zunächst nicht schlecht an. Und Politiker auf dem Fahrrad wurden auch schon bei uns gesichtet.