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Google Flights:

Hebt Google bald völlig ab?

ie Flugsuchmaschine „Google Flights“ ist jetzt seit über einem Jahr online, Ende September 2012 erschien die Tabletversion. futuremynd zieht Bilanz und beleuchtet die Hintergründe: Gräbt Google anderen Reisedienstleistern das Wasser ab?

Hebt Google bald völlig ab?
Sobald der Internetgigant aus dem kalifornischen Mountain View die Fühler in neue Branchen vorstreckt, schrillen sowohl bei den Wettbewerbern als auch bei den Aufsichtsbehörden sämtliche Alarmglocken. Das war bei der Übernahme des Handyherstellers Motorola nicht anders als beim Kauf von ITA (Innovative Travel Technology), einem führenden Software-Hersteller für Internetbuchungsmaschinen (IBE).

Gegen Letzteres regte sich auf breiter Front Widerstand aus der Reisebranche: Eine Gruppe von Unternehmen wie tripadvisor, Kayak, Hotwire und Expedia taten sich zu FairSearch.org zusammen, um Wettbewerbsverzerrungen durch die ITA-Übernahme zu verhindern. Obwohl die Gruppe bis heute existiert und den vermeintlichen Machtmissbrauch des Internetriesen anprangert – übrigens jüngst verstärkt durch Nokia und Oracle –, war der ursprüngliche Gründungsgrund nicht von Erfolg gekrönt: Die US-Kartellwächter stimmten dem ITA-Kauf 2011 unter den Auflagen zu, dass Google die ITA-Plattform auch weiterhin separat betreibt und den Mitbewerbern Zugang zur QBXTM-Software des Unternehmens gewährt. Die ITA-Software by Google ist seitdem unter itasoftware.com im Internet und bietet umfassende Suchfunktionen, die auch von den großen Anbietern genutzt werden. So weit die Vorgeschichte.

Shooting Star „Google Flights“?

futuremynd googleIm September 2011 brachte der Konzern mit „Google Flights“ dann allerdings doch eine eigene Suchmaschine für internationale Flüge, die blitzschnelle Ergebnisse liefert und auch Preise anzeigt. Die etablierten Anbieter reagierten alarmiert, weil Befürchungen laut wurden, Google Flights könne sich schnell zur führenden Suchmaschine für internationale Flüge entwickeln. Zu Recht? Die Bilanz nach einem Jahr Google Flights fällt gänzlich anders aus: Aktuell veröffentlichte Nutzungsdaten belegen, dass Google Flights im September 2012 gerade einmal einen Marktanteil von 1,4 Prozent an der Online-Flugsuche in den USA vorweisen kann. Und auch die befürchteten Zuwachsraten blieben aus: Zwar konnte Google seinen Anteil seit Januar um 0,4 Prozent steigern, der führende Anbieter Kayak schaffte im selben Zeitraum aber ein Plus von satten 8,85 Prozent und liegt mit 61,41 Prozent Marktanteil nach wie vor mit weitem Abstand vor der Konkurrenz. Interessanterweise konnten sogar fast alle etablierten Anbieter zulegen, während Microsoft mit seinem „Bing Travel“ deutlich an Boden verlor (um 12,56 Prozent). In Europa wird Google Flights übrigens kaum genutzt, weil es bisher nur „Outbound Flights“ aus den USA und Kanada anzeigt.

Zugeknöpft – aber sehr aktiv

Was seine Planungen für die Reisebranche angeht, gibt sich Google bislang auffallend zugeknöpft. Die Indizien sprechen aber durchaus für weitere Ambitionen: Integration des Bewertungsportals Google Hotpot in Google Maps, Start des „Experiments“ Google Hotelfinder im Juli 2011, inklusive Integration in Google Maps (der Start der deutschen Version steht unmittelbar bevor, an einer mobilen App wird offenbar ebenfalls gearbeitet), Übernahme des Restaurantführers Zagat 2011 und des wichtigsten amerikanischen Reiseführers Frommer’s im August 2012, Ausweitung von Google Flights auf Kanada im Sommer und Erscheinen der Tabletversion im September 2012. Googles Einkäufe in diese Richtung könnten langfristig zu einer „One-Stop-Travel-Information-App“ für die neuen Google Smartphones mit hauseigenem Android-Betriebssystem führen, vermutet Travel-Analyst Norm Rose von PhoCusWright. Google behauptet zwar, kein Interesse am Einstieg in das Buchungs- und Transaktionsgeschäft zu haben, es bleibt jedoch abzuwarten, welche Pläne der Internetriese tatsächlich verfolgt.

Die FairSearch-Mitinitiatoren tripadvisor und Expedia haben im März jedenfalls Beschwerde bei der EU-Kommission eingelegt. „Expedia glaubt, dass die Europäische Kommission mit einem deutlichen Zeichen reagieren muss, um einen fairen und konkurrenzfähigen Markt im Bereich Onlinesuche zu garantieren, der gleichzeitig auch die Verbraucherrechte berücksichtigt“, zitiert Reuters Brent Thompson, Senior Vice President, Government Affairs bei Expedia. Und damit ist er in bester Gesellschaft, denn die EU bearbeitet inzwischen mindestens zwölf Kartellverfahren aus diversen Branchen gegen Google, unter anderem von Microsoft, dem Preisvergleichsportal ciao und vom New Yorker Unternehmen DoubleClick, einem der weltweit größten Anbieter von Online-Marketing-Lösungen.

Neutrale Darstellung nicht gewährleistet

Da es bei allen anhängigen EU-Verfahren im Kern darum geht, dass Google bei Internetsuchen bestimmte Treffer bevorzugen könnte, hat Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia den Konzern im Mai aufgefordert, konkrete Vorschläge zu unterbreiten, um derartige Wettbewerbsverzerrungen auszuschließen. Eine entsprechende Liste mit Zugeständnissen von Google liegt Brüssel seit Juni vor, eine Entscheidung darüber steht aber noch aus. Analysten rechnen damit, dass die weiteren Google-Planungen zumindest solange auf Eis liegen, bis die EU-Wettbewerbshüter über die eingereichten Beschwerden entschieden haben. Es bleibt spannend.

Im Hause Amadeus, dem „bevorzugten Partner der globalen Reisebranche für Technologie-Lösungen und Transaktionsverarbeitung“, teilt man zwar einige der Bedenken von Expedia zu Google Flights, sieht aber die aktuelle Konkurrenzsituation eher gelassen, weil das eigene Angebot sehr viel umfassender ist. Das Unternehmen gab dazu folgende offizielle Stellungnahme ab:

„Amadeus sieht Google nicht als direkten Mitbewerber im Reisevertrieb. Während Google in der Websuche führend ist, konzentriert sich Amadeus darauf, Reiseanbietern und Reisebüros Dienstleistungen und Buchungsmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen. […] Es ist sehr wichtig, sicherzustellen, dass die Nutzer von Google Flight Search nicht fälschlicherweise glauben, Google zeige umfassende und neutrale Ergebnisse. Denn Google könnte bevorzugt die eigenen Services darstellen, selbst wenn sie eine geringere Qualität und womöglich sogar einen höheren Preis bieten als andere Dienstleistungen unabhängiger Reiseanbieter. Dies führt auch dazu, dass Verbraucher möglicherweise nicht den besten am Markt erhältlichen Preis erhalten, und dies begrenzt den fairen Wettbewerb unter den Airlines."


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