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Unisex-Tarife:

Gleichheit – teuer erkauft?

Kurz vor Jahresende ändert sich die Kalkulation zahlreicher Versicherungstarife: „Unisex-Tarife“ machen Versicherungen teilweise deutlich teurer. Sollen Versicherungsnehmer deshalb jetzt schnellstmöglich Kündigungen aussprechen beziehungsweise neue Versicherungen abschließen?

Gleichheit – teuer erkauft?
Oliver Macho
Dipl. Wirtschaftsingenieur
Plansecur Beratung München
 
Telefon: +49 (0)89 / 74 99 40–42
Telefax: +49 (0)89 / 74 99 40–48
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Gleichheit – teuer erkauft?
Dipl. Wirtschaftsingenieur – Plansecur Beratung München
„Die Gleichheit von Männern und Frauen ist in allen Bereichen … sicherzustellen“, besagt Artikel 23 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat deshalb verfügt, dass nach dem 21. Dezember 2012 – nicht etwa dem 31. Dezember – Versicherungsunternehmen bei der Kalkulation der Beiträge (Prämien) nicht mehr zwischen Männern und Frauen unterscheiden dürfen. Sinnvoll oder nicht – das wird eine Frage der Sichtweise bleiben. Hier soll es darum gehen, welche konkreten Auswirkungen, insbesondere mit Blick auf Beitragssteigerungen, die EuGH-Verfügung für Versicherungsnehmer nach sich ziehen. Eines vorweg: Verrückt machen lassen lohnt sich nicht. Gefragt ist überlegtes Handeln!

Oliver Macho: Bei welchen Versicherungsprodukten müssen Kunden mit Prämienerhöhungen rechnen?

Prof. Dr. Janetzke: Bei bestehenden Versicherungen wird es keine Beitragserhöhungen aufgrund des Urteils des Europäischen Gerichtshofes geben. Die neuen Rahmenbedingungen in der Prämienkalkulation werden nur auf nach dem 21. Dezember 2012 geschlossene Neuverträge Anwendung finden. Erhebliche Prämienanhebungen mit Steigerungen von zum Teil mehr als 40 Prozent wird es bei Männern in der privaten Kranken- und Pflegeversicherung, bei Frauen in der Risikolebens-, Unfall- und Kfz-Versicherung geben. Ein versicherungsmathematisch begründeter Anpassungsdruck ergibt sich auch für neue Männerpolicen in den Bereichen der Altersversorgung und der Absicherung des Berufsunfähigkeitsrisikos. Hier kann man nicht mit Sicherheit vorhersagen, ob die eher geringen Anpassungen auch tatsächlich an den Endkunden weitergegeben werden.

Oliver Macho: Wie erklären sich die zu erwartenden Teuerungen von mehr als 40 Prozent?

Prof. Dr. Janetzke: Nach der jüngst vom statistischen Bundesamt veröffentlichten Sterbetafel haben weibliche Neugeborene eine um fünf Jahre längere Lebenserwartung als männliche. Je größer dieser Unterschied ist, desto stärker fällt eine Beitragsanpassung beim Wechsel von Bisex- auf Unisex-Tarife aus. Im Wesentlichen handelt es sich um zwei Seiten derselben Medaille, die sich in den verschiedenen Versicherungsarten unterschiedlich auswirkt. In der privaten Kranken(zusatz)- und Pflegeversicherung werden die Männer künftig die höheren Gesundheits- und Pflegekosten der länger lebenden Frauen mitfinanzieren. Die Prämien der Männer werden daher nach dem Stichtag steigen. In der Risikolebensversicherung wird im nächsten Jahr die höhere Sterblichkeit der Männer von den Frauen mitbezahlt; in der Folge werden die Prämien für Frauen nach dem 21. Dezember 2012 angehoben.

Oliver Macho: Als Finanzplaner und Finanzmakler ist es mir vor allem wichtig, den Bedarf meiner Mandanten adäquat zu decken. Natürlich spielen dabei auch Preisüberlegungen eine Rolle und man könnte also zu der Schlussfolgerung kommen, dass Männer Versicherungsneuabschlüsse vorziehen und Frauen noch abwarten sollen. Macht das Sinn?

Prof. Dr. Janetzke: Grundsätzlich gilt: ohne Bedarf kein Vertrag. Es gilt aber auch umgekehrt: Sobald ein Bedarf erkannt wird, muss der Finanzmakler handeln. Er darf seinem Mandanten einen Abschluss nicht nur empfehlen, er hat sogar die gesetzliche Pflicht, als Sachwalter des Kunden nach dessen Auftrag zu handeln. Hier stellt der Gesetzgeber Makler ganz klar auf die Seite ihrer Kunden. In gleichem Maße wie Steuerberater und Rechtsanwälte müssen Makler stets im Interesse ihrer Mandanten agieren. Auch fachlich macht das Warten bei einem erkannten Bedarf keinen Sinn. Zum Beispiel ist im Bereich der Altersrenten für Frauen nur mit geringfügigen Beitragssenkungen zu rechnen. Ich gehe davon aus, dass bei einem Abschluss erst im nächsten Jahr das höhere Eintrittsalter und die um ein Jahr verkürzte Anspardauer die Effekte aus der Unisex-Kalkulation übersteigen. Wer heute gesund ist, kann jetzt Verträge abschließen, die mit einer Gesundheitsprüfung verbunden sind. Faire Versicherer bieten zudem die Möglichkeit, 2013 in ggf. günstigere Unisex-Tarife umzustellen. Sie sehen, auch aus Kundensicht gibt es bei einem echten Bedarf keinen rationalen Grund, abzuwarten. Das gilt für Frauen und Männer und in allen Bedarfsbereichen gleichermaßen.

Oliver Macho: Sie haben kompetente Beratung angesprochen. An wen sollten sich Interessierte Ihrer Meinung nach wenden und wie sollte eine gute Beratung aussehen?

Prof. Dr. Janetzke: Eine sehr gute Wahl ist auf jeden Fall ein unabhängiger Berater, der auf eine breite Auswahl guter Produkte zugreifen kann. Dieser sollte ohnehin bereits auf seine Kunden zugegangen sein, um über die anstehenden Änderungen zu informieren. Berater unabhängiger Beratungshäuser sollten ihre Produkt- und Gesellschaftsauswahl durch einen systematischen und qualitätsorientierten Auswahlprozess über das komplette Marktangebot vornehmen. So hat der Berater Zugriff auf hochwertige Produkte und kann passende Angebote identifizieren und vermitteln. Er sollte sich aber trotz der ablaufenden Frist ausreichend Zeit für eine ganzheitliche Analyse der Kundensituation sowie die Belange und den konkreten Bedarf des Interessenten nehmen. Denn nur ein passendes Konzept macht Sinn. Wenn man es dann noch für die gesamte Vertragslaufzeit deutlich günstiger abschließen kann, lohnt es sich, noch 2012 überlegt zu handeln, mit der entsprechenden Vorlaufzeit für mögliche Gesundheitsprüfungen.

Oliver Macho: Welche Trends und Neuerungen sehen Sie aktuell in der Finanzberatung, neben der Einführung der Unisex-Tarife?

Prof. Dr. Janetzke: Qualität spielt in der Beratung eine immer größere Rolle. So wird vom Finanzberater erwartet, dass er sich ein genaues Bild vom Kunden verschafft und bedarfsgerecht sowie umfassend zu den zahlreichen Finanzthemen berät. Manche Institute ziehen sich aufgrund dieser hohen, auch regulatorischen Anforderungen durch den Gesetzgeber aus der Beratung zurück. Andere Beratungshäuser nutzen diese Chance der Umwälzung des Marktes, qualifizieren ihre Berater und setzen unterstützend intelligente, IT-basierte Beratungslösungen ein. Auch das Internet spielt bei der Informationsbeschaffung eine immer größere Rolle. So gehen Kunden deutlich besser vorinformiert in Beratungsgespräche. Eine hohe Qualität für den Kunden entsteht letztlich aus einer Kombination von guter Beratungssoftware und fachlicher sowie persönlicher Expertise des Beraters.

Prof. Dr. Philipp Janetzke
Nach dem Studium der Informatik und der Wirtschaftswissenschaften promovierte Prof. Dr. Janetzke auf dem Gebiet des Workflow-Managements. Seit 2003 lehrt Prof. Dr. Janetzke Wirtschaftinformatik und Finanzmathematik mit Schwerpunkt Customer-Relationship-Management. Prof. Dr. Janetzke ist zudem Geschäftsführer der ajco solutions, die Unternehmensberatung u.a. im Bereich Finanzberatung, Beratungsstandards und Regelwerke anbietet.

Oliver Macho
Nach Abitur und Bundeswehr studierte Oliver Macho an der TU Karlsruhe und schloss sein Studium als Dipl. Wirtschaftsingenieur ab. Schon an der Universität hatte er den Themenschwerpunkt auf Banken und Versicherungen gelegt. Seit Ende 1996 ist Oliver Macho selbständiger Finanzplaner für gehobene Mandanten (Führungskräfte, Management, Unternehmer, Privatiers). 2004 wurde er Partner der Plansecur, Finanzberatungsgesellschaft für werteorientierte Finanz- und Vermögensberatung. Als Vorreiter ethischen Handelns ging die Branchenauszeichnung „Ethics in Business“ 2005 und erneut 2012 an das Unternehmen Plansecur. Seit 2007 ist Oliver Macho dort auch Gesellschafter.

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