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Business Travel und Service:

Geschäftsreisebüros in der Wahrnehmungslücke?

Eine „Travel Management Company“ (TMC) ist ein Reisebüro für Unternehmen. Welche Vorteile bringen TMCs Unternehmen in Zeiten digitaler Vollvernetzung? Und welche Rolle spielen sie als strategische Partner? VDR-Präsident Dirk Gerdom sprach darüber mit Anton Lill, Vice President und General Manager Germany, American Express, Global Business Travel.

Geschäftsreisebüros in der Wahrnehmungslücke?
Dirk Gerdom: Laut VDR-Geschäftsreiseanalyse verzichten insbesondere viele kleine und mittelgroße Betriebe auf . Standardleistungen werden zunehmend webbasiert gebucht. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Anton Lill: Wenn ein Unternehmen Standardreisen hat und lediglich einen Abwicklungspartner für diese Art von Reisen sucht, erhält es mit Onlinebuchungs-Systemen die Leistungen, die es sucht. Schwieriger wird es mit komplexeren Reisen mit mehreren Zielorten und speziellen Reiseanforderungen. Beispielsweise bei internationalen Reisen von Einkäufern oder Wartungsingenieuren. Standard-Onlinetools liefern zwar auch Buchungsergebnisse für komplexere Reiseverbindungen, aber dabei handelt es sich um Konstruktionen, welche lediglich innerhalb eines Systems errechnet werden. Für auf diese Weise konstruierte Reisen zahlen Unternehmen meistens mehr Geld. Dagegen sind TMCs gerade in dieser Hinsicht Hybrid-Anbieter. Sie bieten zum einen Standard-Onlinetools an, arbeiten und beraten die Kunden aber außerdem mit Fachwissen für komplexe Reisen. Darüber hinaus bieten TMCs ein entsprechendes Know-how, wenn es um Managementinformation, Einsparpotenziale und Prozessoptimierung geht.

Dirk Gerdom: Für Unternehmen mit Travel Manager zeigt die VDR-Geschäftsreiseanalyse Einsparpotenziale bis zu 20 Prozent auf. Wie viel davon leistet der ?

Anton Lill: Als Auslöser dieser Potenziale kommt einmal der Travel Manager selbst in Betracht, der mit der TMC zusammen die Strategie und das Measurement erarbeitet. Oder der Travel Manager hat ein eigenes Team und beauftragt die TMC nur mit der Abwicklung der erarbeiteten Strategie.

Dirk Gerdom: Welchen Stellenwert messen Ihrer Erfahrung nach Geschäftsleitungen von Unternehmen den Reiseetats und damit verbundenen Potenzialen zu?

Anton Lill: Wertschätzung und Visibility sind noch stark verbesserbar. Insbesondere die Arbeit der TMCs wird als singuläre Routinedienstleistung gesehen, deren möglicher Beitrag zu Einsparungen bei den Geschäftsreiseausgaben sich auf ihr eigenes Honorarvolumen reduziert. Die TMCs leisten jedoch maßgebliche Beiträge zur . Doch diese Beiträge werden von vielen Geschäftsleitungen bisher zu wenig wahrgenommen. Ich würde gerne die Travel Manager dabei unterstützen, diese Wahrnehmungslücke zu schließen.
Dirk Gerdom: Buchungen via Online Booking Engines, also OBE, sind eine zukunftsfähige Mischform, ihr Anteil steigt weiter. Wie reagieren die TMCs?

Anton Lill: Mit „Mischform“ meinen Sie ja vermutlich, dass die OBEs – neben ihrer Anbindung an Global Distribution Systems, kurz „GDS“ – auch eine Direktanbindung an Airlines haben, sozusagen als eine Art „Bypass“. Dieser Anteil wird tatsächlich weiter steigen. Doch auch das beträfe nur den Buchungskanal Online. Das erwartete Leistungsportfolio der TMCs, u. a. auch im Bereich der weiterhin notwendigen Offline-Buchungen, bedingt in diesem Kontext aber die bereits genannten Investitionserfordernisse.

Dirk Gerdom: Wo sehen sich die TMCs in zehn Jahren? Wie positionieren sie sich?

Anton Lill: Die TMCs bleiben weiterhin relevante Marktteilnehmer für die Vermittlung und Analyse von Geschäftsreisen. Die Zersplitterung rund um Angebote und Distributionskanäle wie beispielsweise Ancillary Fees und Direktanbindungen setzt sich fort. Wir werden hier leider noch so einiges erleben, gerade im Hinblick auf Online, unabhängige Hubs und Direct Connect. Die TMCs sind in dieser zerfransten Landschaft die Einzigen, über die Unternehmen ein ganzheitliches, relevantes Bild erhalten. TMCs bringen Transparenz in die immer unübersichtlicheren Angebote, Preise und Distributionskanäle und optimieren diese im Sinne ihrer Unternehmenskunden.

Dirk Gerdom: Thema Datenweitergabe an die IATA: Wie können insbesondere Firmen mit Implants ihre Daten schützen, z. B. durch Datenpooling?

Anton Lill: Ganz kurz, aber eindeutig: Wir tun nichts, was unsere Kunden nicht wollen bzw. dem unsere Kunden nicht zustimmen.

Anton Lill
Anton Lill studierte an der European Business School, ist Dipl.-Betriebswirt und war seit 1985 über 14 Jahre lang u. a. als Leiter Lufthansa Miles&More und als Geschäftsführer von AirPlus tätig. Es folgten Karriereschritte als Managing Director Citibank und Vorsitzender des Aufsichtsrates der PLUSnet AG/BONIplus AG, bevor er 2001 für die DaimlerChrysler-Bank Geschäftsführer und Direktor Privatkunden+Marketing wurde. 2008 begann Anton Lill seine Tätigkeit bei American Express Global Business Travel. Seit 2012 verantwortet er den Geschäftsreisebereich als General Manager in Deutschland. Er ist verheiratet, hat drei Söhne, betreibt Jogging und ist ausgewiesener Afrika-Kenner.

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