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Schulleitermangel

Deutschlands vergessene Manager

Otfried Preußler, der kinderbuchschreibende Lehrer, nannte sich stolz Schulmeister. Die kleine Hexe, Krabat oder der Räuber Hotzenplotz begeistern auch mehr als 50 Jahre nach ihrer Entstehung die Kinder, weil Preußler die Kinderseele kannte. Heute müssen Lehrer in Deutschland mehr haben als nur Phantasie, um immer größeren Anforderungen zu genügen. Schulleiter will kaum noch einer von den Schulmeistern werden. Zu viel Stress, zu viel Papierkram, zu wenig Geld. Deutschland läuft Gefahr, mit genervten und zu wenigen Schulmanagern im globalen Bildungswettbewerb an Boden zu verlieren.

Deutschlands vergessene Manager
Alarm auf dem Schulleiterkongress in Düsseldorf im Februar 2014 schlug zum wiederholten Male die Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung VBE: Immer wieder müssen Schulleitungsstellen neu ausgeschrieben werden, weil sich kein Interessent meldet. Dabei sollen Schulleiter ihren Aufgaben als Impulsgeber, innovativer Gestalter sowie als Team- und Personalentwickler gerecht werden. „Liebe zum Beruf, pädagogisches Engagement und Expertise von Lehrerinnen und Lehrern können sich erst richtig entfalten, wenn die Schule kompetent geführt wird."

Schlechte PISA-Ergebnisse

Statt Entfaltung schulischer Leistung präsentiert sich das deutsche Bildungssystem im PISA-Ländervergleich mit regelmäßig unterdurchschnittlichen Ergebnissen. Ein wesentlicher Grund dafür ist das Kostenmanagement der Schulbehörden, auch bei der Bezahlung von Schulleitern, die als Manager eine entscheidende Rolle im Bildungswettbewerb spielen.

Schon die OECD-Schulleiterstudie 2008, an der sich Deutschland nicht beteiligt hatte, kam zum Ergebnis, dass die Qualität der Schulleitung messbaren Einfluss auf die schulischen Lernergebnisse hat. Doch wie sollen Schulleiter Bildung hoch motiviert managen, wenn sie nicht gerecht entlohnt werden und wenn sie traditionell viel Management-Zeit fressenden Unterrichtsverpflichtungen nachkommen müssen?

Man stelle sich das in der Wirtschaft vor: Der Finanzvorstand eines Autoherstellers, zum Beispiel, muss regelmäßig an der Bandstraße arbeiten, nicht, um die Belegschaft und die Presse bei Laune zu halten, sondern damit er mal so richtig produktiv ist. Und wenn er sich besonders anstrengt, erhält er einen Bonus von 150 Euro im Monat: Das ist die Höhe der Amtszulage für Grundschulleiter in Niedersachsen. Bei diesen „Top“-Boni muss sich keiner wundern, dass niemand Direktorin oder Direktor werden will.



Höchste Anforderungen

Trotzdem erwarten Kultusministerien und Eltern heute von ihren Schulleitern, dass sie höchsten Ansprüchen genügen. Sie wünschen sich intelligente Konzepte und ein gutes Lernklima. In Stellenausschreibungen liest sich das so:

„… daher suchen wir zur Etablierung unserer Schule eine engagierte, authentische, offene und kreative Persönlichkeit,



  • die pädagogisch, kommunikativ und fachlich außergewöhnlich qualifiziert ist,
  • deren Berufsethos vom humanistischen Menschenbild geprägt ist,
  • die Schule als Lern- und Lebenswelt für Schülerinnen und Schüler versteht, in der diese in Freiheit zu selbst- und sozialverantwortlichen Persönlichkeiten gebildet und erzogen werden.“
Vor vielen Jahren, und fast ist man geneigt zu sagen: Es war einmal …, war der Direktor nur verantwortlich für das pädagogische Gelingen, und ab und zu hielt er in der Aula eine Rede. Heute muss er sich um Einstellungsverfahren kümmern, Zielvereinbarungen formulieren, Mitarbeitergespräche führen, Finanzen managen, Sponsoren suchen und haftet dann auch noch persönlich für den Zustand des Schulgebäudes.



Gleichzeitig muss der Schulleiter Verordnungen umsetzen: Ganztagsschule, flexible Eingangsphase, jahrgangsübergreifenden Unterricht ermöglichen. Für derartige Umstrukturierungen würde ein normales Unternehmen vermutlich Roland Berger engagieren.



Um den Mangel an schulischen Führungskräften in den Griff zu bekommen, müssten Schulleiterstellen attraktiver werden. Der VBE fordert eine klare Funktionsbeschreibung des Spezialberufs Schulleiter, eine systematische Qualifizierung auf Führungsakademien und Führungskollegs und eine gezielte Nachwuchsgewinnung in der Lehrerschaft. Ist das für einen Industriestandort wie Deutschland zu viel verlangt?



Gerechte Bezahlung

Wie viel kosten uns denn die Schulleiter, wenn wir sie fair entlohnen? 800 bis 1.000 Euro im Monat sollte ein Direktor schon mehr verdienen dürfen, so die Forderung des VBE in Düsseldorf. Doch noch ist kein Geld da, jedenfalls nicht für Schulleiter.

Kurz nach dem Schulleiterkongress in Berlin winkte die Große Koalition die Erhöhung der Abgeordnetendiäten bis Januar 2015 um 830 Euro durch. Damit werden deutsche Spitzenpolitiker gehaltsmäßig endlich den Bundesrichtern gleichgestellt. Ein alter Traum wird wahr.