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Interview

Der Hundeprofi

Es gibt unwiderlegbare Einsichten in das Verhalten von Tieren, die mit Menschen leben. Während der Mensch der Dosenöffner der Katze ist, sind Hunde unsere Freunde. Die Frage ist dann jedoch: Warum hat der Mensch mit seinen tierischen Freunden so viele Probleme?

Der Hundeprofi
Sie springen am Nachbarn hoch. Sie bellen bei jedem Geräusch. Sie spielen verrückt, wenn sie einem Pferd begegnen. Gehen nicht „bei Fuß“. Machen immer das Gegenteil von „Sitz“. Knurren und man weiß nicht, warum. Verteidigen das neue Designer-Sofa mit ihrem Leben. Jagen andere Hunde. Jaulen, wenn Herrchen sie alleine lässt. Reißen die Gardinen runter und wollen die Tante, die Herrchen vom Bahnhof abgeholt hat, nicht ins Haus lassen.

Dann kommt Martin Rütter, der „Hundeprofi“. Den Namen hat ihm der TV-Sender VOX gegeben, um mit sanftem Nachdruck darauf hinzuweisen, dass die meisten Hundebesitzer Amateure sind, Liebhaber von Hunden also, aber mehr nicht. Beim Anschauen der gleichnamigen Doku-Soap fragen sich die Fans, darunter auch Nicht-Hundehalter, mit Spannung: „Wird es Rütter wieder schaffen, die Hunde umzudrehen?“ Um es kurz zu machen: Ja, immer. Seine Methoden, die oft wie Magie wirken, funktionieren, weil sie dem gesunden Menschen- bzw. dem Hundeverstand folgen. Auf Anamnese und Diagnose folgen Therapie und Heilung. Dann staunen die Amateure, darunter amüsanterweise auch viele VIPs, dass Rütter sie auch ein bisschen miterzogen hat.

Rütters Autorität ist das Ergebnis jahrelanger Beschäftigung mit unserem Lieblingstier. Schon 1995 gründete er sein erstes „Zentrum für Menschen mit Hund“. Auf Basis intensiver Studien und umfangreicher Erfahrungen mit den Besuchern konnte Rütter eine eigene Philosophie zur Hunde­erziehung entwickeln: das Dog Orientated Guiding System D.O.G.S.

D.O.G.S. ist eine wunderbar leise, einfühlsame und vor allem gewaltfreie Erziehungsmethode, die sich ganz an der Persönlichkeit des Hundes orientiert und das Training an seine individuellen Bedürfnisse anpasst. Der Schwerpunkt von D.O.G.S. liegt darin, einen Hund richtig einzuschätzen, sein Verhalten und seine Kommunikation zu verstehen.

„Hunde haben die Eigenschaft, den Menschen als vollen Sozialpartner anzuerkennen“, sagt Rütter, „ziehen ihn sogar manchmal Artgenossen vor.“


Dadurch entsteht ein sehr direktes Miteinander. Die Strukturen der Hunde sind denen der Menschen sehr ähnlich. Das macht es so verlockend, den Hund zu vermenschlichen.

Die Probleme fangen dann schon bei der Auswahl des Hundes an. Wonach soll man sich richten? Nach Liebe auf den ersten Wuff? Nach Fellfarbe? Oder Modetrends? Man ahnt schon, dass das rhetorische Fragen sind. Nach Beagle und Golden Retriever kamen die Labradore und plötzlich standen die Möpse in vorderster Gassi-Front. Rütter äußert sich übrigens lobend über den Mops: „Gute Familienhunde, gute Anfängerhunde”.

Es geht aber auch bei einem Mops nicht darum, ob eine Familie in der Stadt oder auf dem Land wohnt, sondern dass Hund und Familie viel gemeinsame Zeit brauchen. Hunde gieren nach ausreichend körperlicher und geistiger Beschäftigung, das ist genetisch programmiert. Wer vor der Anschaffung schon weiß, dass er sich um das Tier nicht kümmern kann, komme als Hundehalter nicht in Frage. Ein Jack Russell, der nicht gefordert ist, „rockt“ das ganze Haus. Ein Border Collie, mit dem man nicht mehrere Stunden (!) am Tag arbeitet, verkümmert.

„Außerdem sollte sich jeder Mensch überlegen, was er vom neuen Freund erwartet.“


Rütter erlebt oft, „dass der Hund kuschelig sein soll, aber nicht haaren darf. Dass er das Haus bewachen, aber nicht bellen soll. Dass er verspielt sein soll, aber Frauchen nicht geweckt werden will. Es gibt Kombinationen, die gehen einfach nicht.“

Diese und viele andere erhellende Erkenntnisse des Hundeprofis haben einen großen Nutzwert für Menschen, die mit ihren Hunden harmonischer leben wollen. Rütters Mission ist sogar schönstes Entertainment. Das Publikum, das ihn regelmäßig per Kabel oder Satellit ins Wohnzimmer holt oder ihn auf einer seiner Shows in Deutschland, Österreich und der Schweiz sieht, liebt sein Wissen, seinen Humor und, ja, irgendwie alles. Jeder neue Fall für Martin Rütter ist ein nie dagewesener, faszinierender Show-Act. Und das alles auf Basis fundierter Tierpsychologie.

Keine Frage, Rütter hat ein gutes Gespür dafür, was ankommt. Das ist nicht leicht, aber eigentlich auch nicht so schwer mit dem schier unerschöpflichen Thema „Hund“ – sofern es Martin Rütter übernimmt.

futuremynd: Herr Rütter, wie geht Hundesprache?

M. Rütter: Um Hunde zu verstehen, muss man lernen, ihre Körpersprache zu lesen. Wichtige Anzeichen sind z.B. die Stellung der Ohren, der Blick, die generelle Körperhaltung sowie die Rutenhaltung. Ein Hund, der die Ohren anlegt, mit dem Blick ausweicht, sich mit einem runden Rücken klein macht und die Rute einzieht, zeigt z.B., dass er gerade Angst vor etwas hat und sich unsicher fühlt.

Hunde, die bellen, beißen nicht - warum?

M. Rütter: Diese Regel stimmt nur insofern, dass Hunde im Augenblick des Zubeißens nicht bellen können. Gerade ängstliche Hunde bellen sehr laut und heftig. Sie zeigen damit an, dass sie sich bedroht fühlen und im Falle weiterer Bedrohung durchaus auch zubeißen würden. Anders verhält es sich mit sicheren Hunden, die z.B. eine Beute für sich beanspruchen oder einen Anspruch durchsetzen wollen. Diese Hunde drohen oft nur mit einem deutlich fixierenden Blick sowie einer offensiv drohenden Körperhaltung, also durchgedrückten Beinen, aufgerichtetem Kopf mit Blick über den nach unten gehaltenen Nasenrücken.

Sie befürworten den Hundeführerschein. Was müssen Herrchen und Frauchen in der Hundeführerschule lernen?

M. Rütter: Das Verhalten von Hunden wird oft viel zu menschlich interpretiert, was dann dazu führt, dass Hunde in ihrer Kommunikation sehr deutlich werden müssen, bis ihre Botschaft bei uns angekommen ist. Ein klassisches Missverständnis ist das Anspringen bei der Begrüßung, das fast immer als Freude des Hundes empfunden wird. In den wenigsten Fällen ist das aber freundlich gemeint, sondern viel häufiger als Korrektur des Menschen, der den Hund nicht mit nach draußen genommen hat.

Was halten sie von Hundekleidung?

M. Rütter: Hundebekleidung in Form von Dirndl, Lederhosen etc. ist für Hunde vollkommen unsinnig. Hier werden Hunde vermenschlicht und die menschlichen Bedürfnisse in den Vordergrund gestellt. Der Hund soll einem bestimmten Image entsprechen. Oder aber er nimmt die Stelle eines Kindes ein, welches mit Kleidungsstücken ausstaffiert wird. Hunde sollten jedoch ihrer Natur gemäß, also artgerecht behandelt werden. Sie haben ein Fell, das alle notwendigen Funktionen wie Wärme- oder Kälteschutz übernimmt und benötigen in der Regel keine Kleidung. Ausnahmen hiervon sind sogenannte Hundedecken oder -mäntel, welche gerade ­­­­­­­z.B. kranke oder alte Hunde bei großer Kälte schützen können.

Ein knuddeliger Welpe vom Züchter oder ein „armer“ Hund aus dem Tierheim: Wie sollte man sich entscheiden?

M. Rütter: Ein Welpe kann auf die Bedürfnisse der Familie geprägt werden, jedoch braucht man für die Aufzucht gerade in den ersten Monaten mehr Zeit. Ein junger Hund kann noch nicht so lange alleine bleiben. Einen erwachsenen Hund kann man in der Regel schneller in den Alltag integrieren. Oftmals bringt ein erwachsener Hund aber auch Probleme mit sich, über die man sich bewusst sein muss. Daher sollte der in Frage kommende Hund getestet werden. Hierbei hilft eine gute Hundeschule. Die Entscheidung muss immer individuell getroffen werden.

„Um Hunde zu verstehen, muss man lernen, ihre Körpersprache zu lesen.“