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Vom extensiven zum intensiven Wachstum

China – der berechenbare Riese

Jedes Jahrhundert hat ein Land, über dessen Aufstieg es staunt. Die Vereinigten Staaten von Amerika, Deutschland und Japan symbolisieren die wirtschaftliche Entfaltung im 19. und 20. Jahrhundert. Heute ist die Welt beeindruckt vom Aufstieg Chinas aus der Rückständigkeit, in welche das Land in den letzten 300 Jahren geraten war. Ein Blick in die Geschichte der Ökonomie – mit Deutschland als Entwicklungsmuster – erklärt das chinesische Wachstumsmodell erstaunlich gut und lässt einige unorthodoxe Thesen zu. Oliver Macho im Gespräch mit Dr. Georg Graf von Wallwitz.

China – der berechenbare Riese
Oliver Macho
Dipl. Wirtschaftsingenieur
Plansecur Beratung München
 
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China – der berechenbare Riese
Dipl. Wirtschaftsingenieur – Plansecur Beratung München
Oliver Macho: Herr Dr. von Wallwitz, bevor wir uns dem rasanten Wachstum des heutigen China zuwenden, wollen wir uns der Entwicklung Deutschlands nach dem Kriegsende 1945 widmen. Was ist für die damalige Zeit besonders markant?

Dr. Georg Graf von Wallwitz: Deutschland wollte wachsen, um den Krieg schnell vergessen zu machen, und hatte die Institutionen, die nötig waren, um aus dem Aufholpotenzial ein tatsächliches Aufholen zu machen. Das Aufholpotenzial allein erklärt aber noch nicht das Wirtschaftswunder. Die Fähigkeit, Produkte oder Technologien abzukupfern, übrigens auch nicht.

Was braucht es noch für ein Wirtschaftswunder?

Dr. Georg Graf von Wallwitz: Dazu gehört auch ein besonderes kulturelles bzw. institutionelles Klima. Zum einen ein korporatistisches Gesellschaftsmodell, welches Gewerkschaften und Arbeitgeber umfasst und für Lohnzurückhaltung sorgt, damit Kapital für weiteres Wachstum aufgebaut werden kann. Zum anderen die staatliche Planung: in Deutschland weniger als in Lateineuropa, aber der Staat war unerlässlich, um verschiedene Industrien, die aufeinander angewiesen waren, gleichzeitig zu fördern und zu stärken. Kurz gesagt: Deutschland entwickelte sich durch extensives Wachstum. Immer mehr Material und Menschen wurden dafür eingesetzt, immer mehr Investitions- und Konsumgüter zu produzieren.

Wo sehen Sie die Parallelen von Deutschland damals zu China heute?

Dr. Georg Graf von Wallwitz: Eine wichtige Gemeinsamkeit beider Ökonomien liegt in der Chance zum Neuanfang. Die deutsche Volkswirtschaft beginnt ihren Aufstieg nach dem Zweiten Weltkrieg, die chinesische nach der Kulturrevolution Ende der 1970er Jahre. Beide Länder verfügen zu Beginn ihrer Wirtschaftswunder über begabte Nachmacher und für die Produktion über viele billige Arbeitskräfte aus dem Hinterland. In beiden Ländern wird die Währung manipuliert, in China gewollt, in Deutschland eher zufällig durch das Bretton-Woods-System. Große Banken vergeben billige Kredite an politisch favorisierte Unternehmen. Sehr hohe Sparquoten der Privathaushalte und hohe Unternehmensgewinne führen zu einer massiven Kapitalbildung.

Erstaunliche Parallelen, trotz unterschiedlicher Gesellschaftssysteme?

Dr. Georg Graf von Wallwitz: Richtig, in China haben wir eine Partei, die auf allen Ebenen der Gesellschaft teilweise gewaltsam Einfluss ausübt. Im Gegensatz dazu sind die Marktteilnehmer in Deutschland geprägt von Prinzipien des Rechtsstaats und des Ordoliberalismus, d. h. den durch den Staat geschaffenen Ordnungsrahmen, der den ökonomischen Wettbewerb und die Freiheit der Bürger auf dem Markt gewährleisten will.

Wie wird es mit China weitergehen?

Dr. Georg Graf von Wallwitz: Wachstum mit roher Gewalt, d. h. Kapitalakkumulation und Technologietransfer, ist irgendwann erschöpft. Es reicht dann nicht mehr, immer mehr Leute in bestehende Fabriken zu stellen bzw. immer mehr Fabriken vom selben Typ zu bauen. Irgendwann hat jeder einen Fernseher, einen Computer und einen Kühlschrank, und für jedes dieser Produkte gibt es viele, zu viele Hersteller. Intensives Wachstum lebt von technischer Innovation, nicht von mehr Input.

Was kann China von Deutschland und Europa lernen?

Dr. Georg Graf von Wallwitz: Die europäische Wirtschaftsgeschichte der letzten 40 Jahre lässt sich schreiben als der langwierige Versuch, die Institutionen, die ursprünglich auf extensives Wachstum zugeschnitten waren, passend zu machen für intensives Wachstum. Treiber dieser Entwicklung ist die EU, deren Popularität allerdings an ihrem Demokratiedefizit leidet. Wie sehen denn die Institutionen heute in China aus?

Dr. Georg Graf von Wallwitz: Ich bin kein China-Experte, und ich war nur einmal für längere Zeit dort, und das ist 20 Jahre her. Andererseits lese ich berufsbedingt sehr viel über das Land und investiere dort auch reales Geld. Mir stellt sich China heute als ein Land dar, das äußerlich modern ist, aber in den wesentlichen politischen und gesellschaftlichen Strukturen im Mittelalter hängengeblieben ist. Über allem thront die Partei, die sich zunehmend dynastisch organisiert.

Wie nimmt die Partei Einfluss auf die Wirtschaft?

Dr. Georg Graf von Wallwitz: Die Banken vergeben billige Kredite an Unternehmen, die Funktionären gehören. Das treibt den Schuldenstand in die Höhe. Es profitieren die alten Industrien und Gewerbe, in denen die Partei verankert ist, nicht die innovativen Jungunternehmer.

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Mit welchen Risiken ist das verbunden?

Dr. Georg Graf von Wallwitz: Dieses Modell ist nicht dazu angetan, um von extensivem zu intensivem Wachstum zu kommen. Parteimitglieder, die den Übergang initiieren und durchführen müssten, haben ein massives Interesse daran, dass sich so wenig wie möglich ändert. So wird vermutlich der Schuldenstand weiter steigen und die Renditen werden immer weiter zurückgehen, bis das System endgültig an seine Grenzen gelangt.

Haben die Chinesen in ihrer Gesamtheit keine Meinung zu dieser Einbahnstraße?

Dr. Georg Graf von Wallwitz: Doch, ich gehe davon aus, dass die Bevölkerung irgendwann keine Lust mehr hat auf den autoritären Korporatismus. Heute wollen auch die Chinesen saubere Luft, sauberes Wasser, saubere Nahrungsmittel und eine saubere Regierung. All das kann die Partei nicht bieten, und es stellt sich die Frage, wie lange die Bevölkerung das mitmacht. Wer will schon gerne Arm und Bein eines nutzlosen Magens sein?

Wagen Sie eine konkrete Prognose?

Dr. Georg Graf von Wallwitz: Die Institutionen für intensives Wirtschaftswachstum sind in China heute nicht vorhanden. Ohne sie wird China aber nicht aus der „Middle-Income Trap“ herauskommen. Wenn China etwas von Deutschland lernen will, so wird es sich die Voraussage anhören müssen, dass die wirklich interessanten Tage seiner wirtschaftlichen Entwicklung noch bevorstehen.

Dr. Georg von Wallwitz ist Geschäftsführer der Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement GmbH, München. Vor Firmengründung 2004 betreute er bei Hauck & Aufhäuser institutionelle Portfolios, d. h. komplexe Mandate für mittelgroße Versicherungsunternehmen, Pensionskassen und Stiftungen. Er studierte Mathematik und Philosophie in Deutschland und England, war Visiting Fellow in Princeton (USA) und ist Chartered Financial Analyst (CFA). Vor seiner Zeit bei Hauck & Aufhäuser arbeitete er im Credit Research und im internationalen Aktienfondsmanagement bei der DWS in Frankfurt am Main. Er ist Autor der Bücher „Odysseus und die Wiesel. Eine fröhliche Einführung in die Finanzmärkte“ und „Mr. Smith und das Paradies. Die Erfindung des Wohlstands“.